bis So. 12.8.2007
Ausstellung
Schönheit - ungewollt
Orangerie, 10-18 UhrMalerische Fotos von Anne Walkenhorst
Ich tue nichts Besonderes. Ich sehe etwas, das schon da ist und fotografiere es. Das ist alles, und es ist ganz leicht. Ich verändere nichts. Ich inszeniere nichts. Alle Motive sind echt und wahrhaftig, sie existieren auch ohne mich. Manche finde ich im Vorübergehen, andere spähe ich langwierig aus. Manche verändern
sich im Laufe der Jahre, und ich gehe sie von Zeit zu Zeit besuchen, aus
Neugier und auch, um sie meiner Aufmerksamkeit und bleibenden Zuneigung zu versichern. Manche sind bei erneutem Besuch verschwunden: Häuser abgerissen, Wände glatt gespachtelt, Boote lackiert, Schrottautos abtransportiert und Brachflächen zugebaut. Viele, die ich aus Gründen der Entfernung nicht mehr aufsuchen kann, begleite ich in - oft sehnsüchtigen - Gedanken an ihre Veränderung oder ihren Verfall.
Wenn alle Kunst aus den extremen Gefühlen heraus entsteht, aus dem großen Unglück, dem tiefen Glück, der heftigen Leidenschaft, dann entstehen meine Fotos aus dem Überfluss der Gefühle, aus der Mischung zwischen Gier und Glück, Frohsinn und Leichtigkeit, denen sich die rauschhafte Leidenschaft des Jägers beistellt. sobald die erste Beute gesichtet ist.
Das Schwierigste ist - und selten planbar -, zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle zu sein, den richtigen Lichteinfall vorzufinden. Dann hat sich alles schon gelohnt. Den kleinen Sinnentaumel, wenn das zarte Klacken der Kamera abgelöst wird vom Surren des weiter transportierten, belichteten Stückchen Films, trage ich den ganzen Tag mit mir herum.
Eine fünfhundertstel oder tausendstel Sekunde lang den Lauf der Welt anhalten, und genau dieses kleine Stück Zustand an gen au diesem Teil der Erde mit der Kamera einfangen, stumm und behutsam bergen und in meinem schwarzen Kästchen für andere unsichtbar nach Hause tragen: nicht mehr und nicht weniger will ich beim Fotografieren.
Ich liebe Farben. Und wenn ein Meister wie Cartier-Bresson sagte, Emotionen finde er nur im schwarz-weiß, so gilt für mich das Gegenteil: sogar schwarz-
graue Motive fotografiere ich farbig, um noch dem Grau zu ermöglichen. sich einen andersfarbigen Schimmer überzulegen oder um einem Grasbüschelchen zu erlauben, das Schwarz-Grau durch sein lebendiges Grün aufzubrechen. Mir stellt sich das als kleiner heller Ton dar, mit dem sich das Grün durch das Schweigen der dunklen Farben hindurch Gehör verschafft, so wie überhaupt Farben für mich mit Klängen zu tun haben.
Eine abstrakte Farbkomposition ist wie ein Zusammenklang von Tönen, ein sichtbarer Akkord, und so wie ich in einer Farbkomposition Klänge wahrnehme, empfinde ich das Gleiche im umgekehrten Sinn: Musik birgt Farben, und sie dient auch der Beschreibung von Farbeindrücken.
Es gibt wunderbare Fotografien, die aus Flugzeugen heraus gemacht werden, der Fotograf verfremdet durch die Distanz die eigentliche Landschaft und löst sie so von der Wirklichkeit. Es entstehen dabei eindringlich abstrakte, poetische Bilder.
Was dort durch die übergroße Weite zum Objekt entsteht, verkehrt sich bei meinen Fotos durch die übergroße Nähe ins Gegenteil: eine abgeblätterte Wand, ein Stück Treibholz scheint ein abstraktes Gemälde zu sein, und manchmal verändert es sich zu einer aus großer Höhe aufgenommenen Landschaft. Geheimnisvolle Ornamente bilden innerhalb unseres Assoziationskreislaufs figurative Erklärungen und lassen an Seen, Länder, Kontinente denken.
Diese Grenzverwischungen suche ich.
Ich will das Flüchtige greifen, das sich in ständigem Fluss Befindliche und das dem Verfall Preisgegebene, auch das Heitere, Schöne, Farbige im Zusammenspiel von Licht und Schatten einfangen und damit der Vergänglichkeit und dem Vergessen entreißen.
Wenn es dann noch gelingt, ein bestimmtes Objekt - auch ein ganz alltägliches, banales - in einem besonderen, oft nur Sekunden anhaltenden Streiflicht aufzuspüren und festzuhalten, bin ich am Ziel.
Das ist es, was ich zu den hier vorliegenden Fotos zu sagen habe. Wenn sie jemanden berühren, sind auch diese Erklärungen überflüssig.
Anne Walkenhorst





















